Auf kulinarischem Streifzug durch das Nachbarland Polen - Resümee einer Reise

Geschrieben von SBC Neubrandenburg

Zur Unterstützung deutsch-polnischer Wirtschaftsbeziehungen organisierte das SBC Neubrandenburg gemeinsam mit seinem polnischen Netzwerkpartner, dem CUD Karlino, vom 5. bis 6. Oktober 2017 eine Unternehmerreise für Regionalproduzenten und Touristiker in die Wojewodschaft Westpommern.

46 deutsche TeilnehmerInnen, insbesondere UnternehmerInnen aus Vorpommern (30), Mecklenburg (14) und Brandenburg (2) traten während der zweitägigen Exkursion mit 17 polnischen Unternehmerinnen und Unternehmern in den Erfahrungsaustausch.

Zentrales Thema war die Esskultur und Vermarktung regionaler Produkte in Polen. Die kulinarischen polnischen Köstlichkeiten spiegeln in ihrer Vielfalt und Üppigkeit die sprichwörtliche Gastlichkeit und Lebensfreude unserer Nachbarn wider. Das Programm  „Lerne gute Lebensmittel kennen” (Poznaj Dobrą Żywność) wurde 2004 vom Ministerium für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung zur Förderung hochqualitativer Lebensmittel initiiert. Mittlerweile sind 39 Produkte aus der Wojewodschaft Westpommern in der „Liste der Traditionellen Produkte“ eingetragen. Sie müssen mindestens seit 25 Jahren hergestellt werden, ein Identitätsteil der lokalen Gemeinschaft sein und zum Kulturerbe der jeweiligen Region gehören. Das europäische Netzwerk Culinary Heritage/Regionale Esskultur will das Kulinarische Erbe der Regionen Europas stärken und Betriebe unterstützen, die aktiv regionale Spezialitäten modern interpretieren oder Traditionelles wieder beleben. Fast alle Firmen, die die TeilnehmerInnen besuchten, sind Mitglied im Netzwerk Kulinarisches Erbe der Wojewodschaft Westpommern (Dziedzictwo Kulinarne Pomorze Zachodnie).

So z. B. Das Weingut Turnau (Winnica Turnau) in Baniewice, wo die Tour startete. Mitinhaber Zbigniew Turnau stellte den begeisterten Besuchern bei einem kleinen Rundgang das Unternehmen vor. In nur sieben Jahren avancierte der Betrieb zum größten Weingut Polens. Auf mittlerweile 29 ha wurden Rebstöcke nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten gepflanzt und jährlich werden 120.000 Flaschen Weiß-, Rot- und Roséwein mit modernster Technik, dank bis zu 50-prozentiger EU-Förderung, abgefüllt. Dass nur Premiumweine produziert werden, die an Hotels und Restaurants geliefert bzw. im Onlineshop vermarktet werden, davon konnten sich die deutschen Gäste bei einer anschließenden Verkostung überzeugen.

Fotos: Renate Rabe (Nr. 1-5 Weingut Turnau, Nr. 6 Ökologische Farm)

Nicht so modern geht es auf der Ökologischen Farm in Sątyrz Pierwszy zu. Die Eigentümer Piotr und Jolanta Woźnicki bewirtschaften mit viel Engagement einen 297 ha großen Bio-Bauernhof, der 2006 ökologisch zertifiziert wurde. Sowohl Bio-Lebensmittelproduzenten des Westpommerschen Verbandes EKOLAND als auch Schulklassen treffen sich auf der Farm. Ebenfalls Mitglied im o. g. Netzwerk verarbeitet das Ehepaar einige Gemüsesorten, einschließlich Gurken und Kohl, nach traditionellen Methoden. Für die Herstellung der „Kolberger Gurke“, eingetragen in der Liste der Traditionellen Produkte, verwenden sie, abgesehen von natürlichen frischen Zutaten, natürliches Salzwasser aus der Solequelle in Kołobrzeg. Nach der Betriebsvorstellung und anschließenden Diskussion wurden die schmackhaften Produkte verkostet und zahlreich gekauft.

Im Schlosshotel Heinrichsdorf (Hotel Pałac Siemczyno) wurde die Unternehmergruppe im Konferenzsaal des Hotels vom Parlamentarischen Staatssekretär für Vorpommern, Herrn Patrick Dahlemann, herzlich begrüßt. Dank der Förderzusage aus seinem Vorpommernfonds konnte die Fachexkursion realisiert werden. Als Motiv nannte er die Entwicklung einer europäischen Metropolregion Stettin zur länderübergreifenden Zusammenarbeit. Kontaktaufnahmen und Kooperationen müssten in jeglicher Form unterstützt werden, damit der Großraum Stettin zum Entwicklungsmotor für den Osten Mecklenburg-Vorpommerns wird.

Im Anschluss hielt der stellvertretende Bürgermeister von Czaplinek Zbigniew Dudor ein Grußwort und warb u. a. für die touristischen Angebote seiner Stadt- und Landgemeinde.

Bogdan Andziak, Miteigentümer, schilderte in seinem Vortrag die lange deutsche Geschichte des Heinrichsdorfer Barockschlosses, erbaut um 1725 von Henning Bernd von der Goltz. Nach dem Krieg beherbergte das Schloss bis 1990 die Dorfschule. In dieser Zeit fanden nur notdürftige Ausbesserungsarbeiten statt. Danach verfiel es zusehends. Gemeinsam mit seinem Bruder kaufte er das stark verfallene Schloss mit Park und Wirtschaftsarealen. Aus den ehemaligen Pferde- und Schweinestallungen entstand ein modernes Hotel mit 70 Betten und Konferenzraum. Um aus dem historischen Gebäudeensemble ein lebendiges Zentrum für Touristen, Kurzurlauber, Geschäftsleute sowie deutsche und polnische Jugendgruppen zu machen, hoffen die Brüder auf weitere Unterstützung durch Fördermittel der öffentlichen Hand und der EU.

Fotos: Magda Rupek (Nr. 1), Renate Rabe (Nr. 2-9)

Am nächsten Tag konnte die Gruppe weitere interessante Konzepte kennenlernen. Das Projekt „Sieben Gärten“ (Siedem Ogrodów) in Łowicz Wałecki wurde aus der Idee geboren, einen einzigartigen Agrotouristischen Betrieb mit sieben autonomen, vielgestaltigen und komfortablen Ferienhäusern (z. B. Müllerhaus, Fischerhaus, Gärtnerhaus...), umgeben von wunderschönen Gärten zu schaffen. Grażyna Kugiel berichtete während der Führung über die vielfältigen Angebote, die sich sowohl an Naturliebhaber als auch an Touristen, die nach kreativen Formen der Entspannung suchen, richten. Im Land der sieben Gärten, versteckt inmitten von Wäldern, Seen und Wiesen, unberührt und still können die Urlauber leckere hausgemachte Speisen genießen aber auch die Zeit kreativ mit Kunst- und kulinarischen Workshops verbringen. In Zusammenarbeit mit anderen touristischen Zentren werden bspw. Kanufahrten auf der Drawa, Segeln auf dem Betyń-See oder Reitkurse angeboten. Angelfreunde können am Teich und an den zahlreichen umliegenden Waldseen ihrem Hobby nachgehen. In der Gemeinde Mirosławiec gibt es 21 kristallklare Seen. Oder die Besucher erkunden per Rad die Natur.

Fotos: Renate Rabe (Nr. 1,2,4), Rainer Marten (Nr. 3), Magda Rupek (Nr. 5,6)

Tymecki2Auch das Unternehmen Natur Sport Magdalena Tymecka in Człopa setzt auf naturnahen und aktiven Tourismus und wurde aufgrund seiner vielgestaltigen Angebote als „Bester Dienstleister der Tourismusbranche 2011“ in der Gemeinde Człopa geehrt. Sebastian Tymecki erzählte, dass seine Familie seit mehr als 40 Jahren im Tourismus tätig ist. Aktive Lebensweise und Reiselust verwandelten sich mit der Zeit in die Organisation von Freizeitangeboten für Touristen. 2011 erfolgte die Gründung der eigenen Firma Natur Sport. Als Absolvent der Adam-Mickiewicz-Universität in Poznań, Fakultät für Geographie und Geologie im Bereich Tourismus und Freizeit, absolvierte er ein Aufbaustudium im Sportmanagement. Seit ein paar Jahren ist er Instrukteur für Erholung. Der aktive und erfolgreiche Kanusportler ist zusätzlich Prüfer im polnischen Kanu-Qualifikationssystem und seit Mai 2013 auch Kanusportlehrer. Auf eine gesunde Ernährung legt das Team von Magdalena Tymecka großen Wert. Auf Wunsch wollen sie durch Ernährungscoaching zur Umstellung der Lebens- und Essgewohnheiten ihrer Gäste beitragen. Im alten Kutter, der zum Restaurant umfunktioniert wurde, servieren sie täglich frischen Fisch aus der Region.

Danach fuhren die Regionalproduzenten und Touristiker nach Barlinek, zum letzten Aufenthalt im Nachbarland. Katarzyna Mielcarek, Leiterin des dortigen Tourismusinformationszentrums und Bevollmächtigte des Bürgermeisters für Nordic Walking informierte die Gruppe während des Rundgangs u. a. über das komplexe Produkt und touristische Angebot „Barlinek – Europäische Hauptstadt des Nordic Walking“. Das von der Polnischen Tourismusorganisation vergebene Zertifikat „Bestes touristisches Produkt“ umfasst 54 km markierte Wanderwege mit drei verschiedenen Schwierigkeitsgraden, Ausrüstungsverleih, professionelles Training, Unterkünfte, touristische Informationen, Organisation von Veranstaltungen für inländische und ausländische Touristen.

Fotos: Rainer Marten (Nr. 1), Renate Rabe (Nr. 2)

Bevor Interessierte mit Marek Piechocki, Eigentümer und Betreiber des Hotels ALMA & SPA***, Zimmer und die Wellnessabteilung besichtigen konnten, stellte Jan Kołosowski, ebenfalls Mitglied im Netzwerk Kulinarisches Erbe der Wojewodschaft Westpommern, seine Imkerei MEDUS vor. Die Imkerei besteht seit 1984 und produziert nach traditionellen Methoden cremigen Honig von außergewöhnlichem Geschmack. Der Familienbetrieb hat neben stationären Bienenstöcken wandernde Bienenstöcke im Barlinek-Urwald und im Landschaftspark Barlinek-Gorzów. Im Jahr 2010 gewann die Imkerei MEDUS den 1. Preis in der Kategorie Regionale tierische Produkte im Wettbewerb "Leader Nr. 1" für ihren cremigen Blütenhonig. Seit 2013 ist der Honig von Maria & Jan Kołosowscy in der polnischen Liste der Traditionellen Produkte eingetragen.                                                                  

An der Teilnehmerbefragung beteiligten sich insgesamt 31 Personen. 77,4 % (24 TN) schätzten die Veranstaltungsatmosphäre sehr gut und 22,6 % (7 TN) mit gut ein. Bei 67,7 % (21 TN) wurden die Erwartungen an die Programminhalte sehr gut erfüllt und bei 32,3 % (10 TN) gut. Die Organisation und das Catering bewerteten alle Befragten einstimmig mit sehr gut. An die Organisatoren wurde die Bitte herangetragen, weitere Informationsreisen dieser Art zu organisieren, um die Zusammenarbeit zwischen Polen und Deutschland zu forcieren.